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Erinnerungen an die Landung im Juni 1944. Memoiren einer jungen Landschullehrerin aus der Normandie

Autor : 
Marcelle HAMEL
Text collected by Etienne Marie-Orléach
Text erfasst, vorgestellt und annotiert von Etienne Marie-Orléach
Übersetzung Stine Krause und Helga Lux

Die 1916 in Octeville, einer Gemeinde direkt neben Cherbourg im Norden des Departements Manche, geborene Marcelle Hamel kommt am 1. April 1940 nach Neuville-au-Plain bei Sainte-Mère-Eglise, wo sie ihren Beruf als Grundschullehrerin ausübt. Nach acht Jahren in der kleinen Ortschaft kehrt die Erzieherin in ihre Heimat im Norden der Halbinsel des Cotentin nach Cherbourg zurück. Nach erfolgreich absolviertem Literaturstudium setzt sie ihre Karriere mit akademischen Würden versehen in leitenden Positionen fort, zuletzt in ihrer Geburtsstadt (1968-1975). Ihren Ruhestand verlebt sie in Omonville-la-Rogue, wo sie am 25. Oktober 1988 verstirbt.

Ihre Erinnerungen an die Landung im Juni 1944 hat sie gleich nach dem Krieg aufgezeichnet, so dass die darin beschriebenen historischen Ereignissen unmittelbar lebendig bleiben und es dem Leser möglich ist, die Ängste und Freuden der jungen Frau nachzuerleben.

Dieser bisher unveröffentlichte Augenzeugenbericht ist dem Mémorial de Caen1 als Schenkung zugekommen. Der ursprüngliche Titel „Memoiren einer kleinen Grundschullehrerin in der Normandie“ wurde von uns leicht abgewandelt als Untertitel hinzugefügt.

Die Jahre der deutschen Besatzung (1940-1944)

Am 5. April 1940 übernahm ich meine Klasse in Neuville, eine Einheitsklasse von 32 Schülern, mit Jungen und Mädchen im Alter von fünf bis dreizehn Jahren. Ich könnte tausend vergnügliche und kuriose Geschichten über die hiesige bäuerliche Mentalität erzählen, sowie über die pädagogische Vorgehensweise, zu der meine lieben Schüler und ihre Familien mich veranlassten. Aber darum geht es hier nicht.

Noch im April 1940 dachten wir, dass wir gerade den siegreichen Stahl aus unserem alten Blech schmieden würden. Es sollte nicht mehr lange dauern, bis uns die Hurra-Rufe im Halse stecken blieben. Im Mai überrollte uns die graugrüne2 Lawine schneller als wir begreifen konnten, was uns da widerfuhr. Die Stimme des Marschalls3 riss uns aus dieser Betäubung, nur um uns wieder sogleich in tiefe Verzweiflung zu stürzen. Der Aufruf des Generals de Gaulle4 wurde zum schwachen Lichtschimmer am Ende des Tunnels. Den exode, die tragische Massenflucht aus der besetzten Zone haben wir nicht mitgemacht. Wir waren auf unserer Halbinsel eingeschlossen, wo hätten wir hin sollen? Das Meer war ein einziges Minenfeld geworden und nur die Wagemutigsten versuchten auf diesem Weg ins freie England zu gelangen.

Da die Niederlage einmal unabänderlich war, mussten wir uns organisieren, um bis zum Tag des Sieges zu überleben. Hier am Land mit den üppigen Weidewiesen waren wir begünstigt. Wir hatten immer alles Lebensnotwendige und bisweilen sogar Überfluss, und alles verbrauchten wir reinen Gewissens, indem wir uns sagten, das wenigstens würden die Deutschen nicht mehr kriegen. Das Schulhaus war ungemütlich und eher heruntergekommen, aber meine Mutter, die bei mir wohnte, verstand es, eine ziemlich adrette Unterkunft daraus zu machen und richtete es so gut wie möglich ein, damit wir uns dort wohl fühlen konnten.

Einmal pro Woche fuhren wir mit dem Bus nach Cherbourg und brachten Lebensmitteln meiner Großeltern mütterlicherseits und meiner Großtante Rosalie, die in unserem Haus in Octeville wohnte, damit es nicht beschlagnahmt würde. Die Autobusse aus Saint-Lô kamen bereits voll besetzt in Neuville an und das Einsteigen musste sich beinahe erkämpft werden. Die ganze Fahrt über mussten wir stehen. Manchmal war der Bus dermaßen überfüllt, dass er nicht einmal anhielt. Dann mussten wir mit unserer Last sechs Kilometer zu Fuß bis zum Bahnhof von Fréville gehen und den Bummelzug nehmen, der oft mehrere Stunden Verspätung hatte. Heimzukommen war nicht einfacher. Wenn es einem nicht gelungen war, sich auf den Autobus zu hieven, musste man rennen, um den train des fuyards, die „Flüchtlingsbahn“ zu erreichen, und dann wieder zu Fuß mitten in der Nacht manchmal im Regen, den Weg vom Bahnhof von Fréville bis nach Hause zurücklegen. Die sogenannte „Flüchtlingsbahn“ war der Bummelzug, der an Wochentagen die Bewohner Cherbourgs jeden Abend aufs Land und in die Dörfer des Hinterlandes brachte, wohin sie sich aus Angst vor nächtlichen Bombenangriffen „flüchteten“, um nur mehr zur Arbeit und ihren Tagesgeschäften in der Stadt zu verbleiben.

Tatsächlich wurde Cherbourg in der Nacht häufig von Luftangriffen heimgesucht. Einmal kam es in der Nacht zu einem schrecklichen Bombenangriff durch die englische Marine,5 der viele Todesopfer unter der Zivilbevölkerung forderte. Ganze Familien wurden unter ihren Häusern verschüttet, die von den Granaten der Marine getroffen worden waren. In jener Nacht hatten wir den Eindruck, dass dieser Bombenangriff keiner der üblichen sei und dass er niemals enden würde. Nichts ist beängstigender als diese Gefahr, die einen über Stunden hinweg bedroht, ohne dass man hinauskann oder weiß, was los ist, noch, wo es einschlägt. Wenngleich die Bewohner von Cherbourg Glück hatten, niemals so massive Bombardierungen erleben zu müssen, wie jene, die dann Caen und Saint-Lô zerstört haben, so wurden sie doch den ganzen Krieg über von Luftangriffen terrorisiert, die jedes Mal materiellen Schaden anrichteten und einige Opfer6 forderten.

Im Mai 1943 widerfuhr uns erneute Pein. Die Deutschen befahlen die Evakuierung des Großraumes von Cherbourg,7 und wir mussten meine Großeltern aus ihrem kleinen Haus, in dem sie ihr ganzes Leben verbracht hatten, ausquartieren und auch so viele Dinge wie möglich aus unserem Haus in Octeville, das meine Tante Rosalie bewohnte und in dem gerade das obere Stockwerk für einen deutschen Offiziers beschlagnahmt worden war, ausräumen. Diese Umzüge waren für meine Mutter und mich ein gewaltiges Unterfangen, zu dessen Durchführung wir uns mit dem behelfen mussten, was gerade da war. Wir hatten auch einige teilnahmsvolle, willige Helfer. Am schwierigsten war es, ein Transportmittel zu besorgen, denn ganz Cherbourg zog gleichzeitig um. Glücklicherweise hatte die Schule in Neuville riesige Dachböden und es gelang uns, dort alles zu verstauen.

Jetzt waren wir alle fünf in Neuville vereint: meine Großeltern, meine Tante, meine Mutter und ich. Ich war umso glücklicher, sie um mich zu haben, da man vor allem nach der Evakuierung Cherbourgs und der Küstengebiete8 spüren konnte, dass sich große Ereignisse anbahnten.

Mai 1944: der D-Day naht

Seit langem schon ließ uns der Mythos von der "elastischen Verteidigung" an der russischen Front, die Landung der Alliierten in Nordafrika und die Niederlage Rommels in El-Alamein9 auf einen baldigen Anfang vom Ende hoffen, für den nächsten Tag vielleicht oder auch später, aber sicher vor dem Herbst.

In der Zwischenzeit sind die Deutschen noch immer da. Nicht direkt in Neuville, wo wir sie den ganzen Krieg höchstens auf Durchmarsch erlebt haben. Auch nicht in unserem Hinterland, wo nur Soldaten zweiter Klasse und verschiedensten Alters verstreut stationiert sind: halbe Kinder und halbe Greise, unter ihnen bisweilen Furcht einflößende, gelbe Männer, die wer weiß woher kommen, aber angeblich Georgier10 sind. An unserer Küste sind sie dagegen zahlreicher als je zuvor und verstärken fieberhaft ihre Bunkeranlagen. Sie machen sich auf etwas gefasst, genau wie wir. Sie haben vor Ort Zivilisten eingezogen, um die Arbeiten an den Verteidigungsanlagen zu beschleunigen. Allerorten in den Feldern lassen sie Schützen- und Panzerabwehrgräben ausheben und Kanonenstellplätze anlegen. Die tief liegenden Wiesen hinter den Dünen an der Küste zwischen Sainte-Marie-du-Mont und Quinéville sind zum Teil überschwemmt worden. Aber vor allem schlagen sie eifrig die berühmten „Rommel-Spargel“11 auf allen ebenen und freiliegenden Flächen ein, die Flugzeugen der Alliierten als Landeplätze dienen könnten. Die Arbeit geht nur langsam voran, denn die Franzosen, die man zu diesem Geschäft herangezogenen hat, lassen jeglichen Eifer vermissen.

In diesem Monat Mai ist es fast schon Sommer, so schön ist das Wetter. Aber wir haben Angst, wie das Gefühl, direkt neben einem Vulkan zu leben, der kurz vor dem Ausbruch steht. Jeden Tag brummen die fliegenden Festungen am Himmel. Eines Nachts werden wir von einem starken Bombardement aufgeweckt. Wir stehen auf und gehen hinaus, um zu sehen, was vor sich geht. In Richtung der Küste gibt es ein fantastisches Feuerwerk, das durch die krachendenden Detonationen zischende Feuerschlangen an den Himmel zeichnet, im Hintergrund dazu das Dröhnen der Flieger-Staffeln. Nach und nach verlischt der Lichtschein, entfernen sich die Motorengeräusche. Dunkelheit und Stille ergreifen wieder Besitz von der Nacht. Ich gehe nach Hause zurück, erleichtert und enttäuscht zugleich. Am nächsten Morgen erfahre ich, dass die deutschen Abwehrstellungen bei Saint-Martin-de-Varreville12 von alliierten Flugzeugen beschossen worden sind und großen Schaden genommen haben. Glücklicherweise hat es keine Opfer unter der Zivilbevölkerung gegeben. Es ist das erste Mal, dass diese Küste bombardiert wird. Mehr als jemals zuvor spüren wir, dass die Stunde der Landung nah ist, und wir sind überzeugt, dass sie hier in der Nähe stattfinden wird. Da wir bei den Deutschen unsere Radiogeräte im Rathaus13 abgegeben haben, erfahren wir über einen kleinen Detektorempfänger am Morgen des 5. Juni auf BBC von der Einnahme Roms. Es wird unser einziges Gesprächsthema. Wir stellen uns überschwänglich den Tag vor, an dem auch wir in unseren Städten die Alliierten empfangen werden. Es kommt uns kaum der Gedanke, dass das viel Blut und Tränen kosten würde.

Nacht vom 5. zum 6. Juni: Es regnet Fallschirme

Im Juni sind die Tage endlos und die Nacht ist nichts als eine lange Dämmerung, denn es wird niemals ganz dunkel. An diesem Montag, dem 5. Juni ist es ungefähr 22 Uhr und ich habe mich gerade neben meiner Mutter hingelegt. Wir schlafen beide auf einem Schlafsofa, das wir jeden Abend im Gemeinschaftsraum aufklappen, denn unser Zimmer haben wir seit der Evakuierung Cherbourgs meinen Großeltern überlassen. Das Sofa steht gegenüber dem weit geöffneten Fenster, durch das man in die Nacht hinaus sieht. So betrachte ich vom Bett aus noch einen Moment lang das Ende dieses schönen Tages. Ich denke mit Wehmut an einen anderen solchen Juniabend im Jahr 1940, an dem mein Freund Jean sich von mir verabschiedet hatte, um zur „France Libre“ zu gehen. Ich wusste noch, dass er in Nordafrika gelandet war, vielleicht ist er bereits in Italien? Vielleicht wird er bald… Aber genug der Träumereien, versuchen wir zu schlafen.

Auf einmal stört ein Flugzeugdröhnen die Abendstille. Aber wir sind so sehr daran gewöhnt und achten umso weniger darauf, da es hier keine militärischen Ziele gibt und die Eisenbahnstrecke mehr als fünf Kilometer entfernt liegt. Aber der Lärm nimmt zu, der Himmel erhellt sich und leuchtet rötlich. Ich stehe auf und bald ist die ganze Familie auf den Beinen. Wir gehen hinaus auf den Hof. Dort scheint alles ruhig. In der Ferne ist das Rumoren eines Bombardements aus der Richtung von Quinéville zu hören. Dennoch scheint es, als streiften dauernd brummende Flieger-Staffeln unermüdlich und geheimnisvoll umher. Dann ein Decrescendo, nur noch vage, weit entfernte Geräusche. „Wie beim letzten Mal“, sagt meine Mutter, „sie haben wohl die Bunker an der Küste bombardiert.“ Und wir gehen alle wieder zu Bett.

Maman schläft sofort ein. Ich aber setze mich im Bett auf und betrachte weiterhin das nachtklare Viereck des Fensterausschnitts. Die Müdigkeit lässt meinen Geist nach und nach träge werden, aber meine Augen schauen weit offen auf die Nacht hinaus. In dieser Art Halbschlaf sehe ich fantastische Schatten wie große, schwarze Sonnenschirme vor mir auftauchen, die sich dunkel vom Dämmerlicht des Himmels abheben und sanft auf die Felder gegenüber hernieder zu regnen scheinen und dann hinter dem schwarzen Umriss der Hecken verschwinden.

Nein, ich träume nicht! Großmutter, die auch nicht schlief, hat sie auch durch das Fenster in ihrem Zimmer gesehen. Ich wecke Maman und meine Tante. Wir ziehen uns hastig wieder an und gehen auf den Hof hinaus. Der Himmel ist erneut von ununterbrochenem Brummen erfüllt, das immer stärker wird. In den Hecken knistert es auf einmal ganz sonderbar. Der Vater Dumont, der Nachbar von gegenüber, ein Witwer, der da mit seinen drei Kindern wohnt, ist auch herausgekommen. Er kommt zu uns herüber und zeigt uns an einer Ecke des Schulhofdachs einen Fallschirm, der sich dort verfangen hat. Die Kinder sind ihrem Vater gefolgt und zu uns auf den Schulhof gekommen. Aber die Nacht hat uns noch nicht ihr Geheimnis enthüllt.

Die ungeduldige Neugier siegt über die Angst, die mich erfasst. Ich gehe aus dem Hof hinaus und einige Schritte den Weg entlang. Am Zaun des Nachbargrundstückes sitzt ein Mann am Rande der Böschung. Er ist in voller Montur, mit dicken Säcken beladen und von Kopf bis Fuß bewaffnet: Gewehr, Pistole und eine Art Entermesser. Er winkt mich heran. Auf Englisch frage ich ihn, ob sein Flugzeug abgeschossen wurde. Er erklärt mir halblaut, in lupenreinem Französisch die wunderbare Nachricht: „Das ist die große Invasion14... Tausende und Abertausende von Fallschirmjägern15 springen heute Nacht über diesem Land ab. Ich bin ein amerikanischer Soldat, aber ich spreche Ihre Sprache, meine Mutter ist Französin aus den Pyrenäen.“ Ich frage: „Was geht an der Küste vor sich? Findet dort eine Landung statt? Und die Deutschen?“ In der Aufregung kommen meine Gedanken ganz durcheinander und ich gerate ins Stammeln. Er antwortet nicht auf meine Fragen, sondern befragt mich, in welcher Zahl und wo der Feind sich in der unmittelbaren Umgebung befindet. Ich beruhige ihn: „Hier sind keine Deutschen; die nächsten sind erst in Sainte-Mère-Eglise, in circa zwei Kilometern Entfernung stationiert.“

Der Amerikaner sagt, er würde gerne seine Landkarte irgendwo anschauen, wo man den Lichtschein seiner elektrischen Taschenlampe nicht sehen könnte. Ich biete ihm an, zu uns herein zu kommen. Er zögert, denn er fürchtet, wie er sagt, uns in Schwierigkeiten zu bringen, wenn die Deutschen plötzlich auftauchen würden. Diese Möglichkeit ist mir nicht eine Sekunde lang in den Sinn gekommen ist, und da ich mir der Gefahr nicht bewusst bin, will ich sie auch nicht in Betracht ziehen. Ich bestehe darauf und beruhige ihn: „Der Vater Dumont und meine alte Tante werden die Umgebung des Schulgeländes überwachen, einer vorne und einer hinten raus.“ Der Soldat folgt uns also humpelnd. Er erklärt mir, dass er sich den Knöchel bei der Landung verstaucht hat, will sich aber nicht verarzten lassen. Es gebe Wichtigeres zu tun. Im Klassenzimmer, in das Großmutter, Mutter und die Kinder des Dumont gefolgt sind, entledigt er sich einer seiner drei, vier Beutel, reißt die Gummibänder ab, die ihn verschlossen halten und zieht daraus Generalstabskarten hervor. Eine davon breitet er auf einem Pult aus. Es ist die Karte dieser Gegend. Er bittet mich, ihm darauf seinen genauen Standpunkt zu zeigen. Er ist erstaunt, so weit weg von der Eisenbahnstrecke und dem kleinen Fluss namens Merderet, der den Sumpf von Neuville im Westen16 säumt, zu sein. Ich zeige ihm den Weg, der dorthin führt. Dort sollte er im Prinzip seine Kameraden treffen. Er schaut auf seine Armbanduhr. Unbewusst tue ich es ihm nach. Es ist elf Uhr zwanzig. Er faltet seine Karte zusammen, beseitigt alle Spuren seiner Anwesenheit, und nachdem er Schokolade aus seiner Tasche geholt und an die Kinder verteilt hat, die zu verdutzt sind, um sie zu essen, nimmt er Abschied von uns. Er wirkt vollkommen ruhig und gefasst, aber die Hand, die er mir reicht, ist feucht und verkrampft sich ein wenig in meiner. Ich wünsche ihm einen guten Weg, in einem Tonfall, der heiter klingen soll. „Ihnen allen eine gute Nacht!“, gibt er zur Antwort. Und auf Englisch fügt er hinzu, damit nur ich ihn verstehe: „Die kommenden Tage werden schrecklich sein. Viel Glück, Mademoiselle, danke, ich werde mein Leben lang an Sie denken.“ Und weg ist er, wie ein Traumgespinst.

Die Nacht verdichtet sich wieder geheimnisvoll. Wir bleiben draußen und warten auf irgendetwas, wir wissen nicht genau was und dämpfen unsere Stimmen. Und plötzlich flammt ein ungeheurer Widerschein auf! Der Horizont in Richtung Meer erhellt sich, als ob jemand eine riesige Feuersbrunst über dem Ozean entfacht hätte. Das gewaltige Grollen der Marinekanonen ist bis hierher zu hören, aber dumpf und von einer Vielzahl undefinierbarer Geräusche überlagert.

Schwarze Flugzeugschatten kommen in Schwärmen daher und kreisen am Himmel. Einer von ihnen fliegt geradewegs über unsere kleine Schule hinweg, macht die Scheinwerfer an und lässt etwas fallen... was? Einen Moment denken wir, dass es eine Traube von Bomben ist. Aber wir haben noch kaum Anstalten gemacht uns auf den Boden zu werfen, als sich die Fallschirme fast im selben Augenblick öffnen und wie eine Wolke schwarzer Seifenblasen in der klaren Nacht wirbeln. Dann treiben sie auseinander und verschwinden in der Wirrnis der nächtlichen Landschaft. Ein weiteres Flugzeug fliegt über uns hinweg und lässt seine Fracht fallen. Erst fliegen die Fallschirme scheinbar wie vom Flugzeug mitgezogen, dann fallen sie schwindelerregend senkrecht und schließlich öffnen sich die Kuppeln aus Ballonseide. Die Fallgeschwindigkeit nimmt ab, je näher sie dem Boden kommen. Allerdings landen die Männer, die man eindeutig an den baumelnden Beinen erkennen kann, ein wenig schneller als die Lebensmittelpakete und jene mit Material und Munition. Bald verwandelt sich der ganze Himmel über unseren Köpfen in ein einziges riesiges Fallschirmballett.

Das Schauspiel auf dem Boden ist genauso unglaublich. Von allen Seiten auf dem Land schießen Sträuße von bunten Raketen empor, wie von unsichtbaren Jongleuren geworfen. Und da gleiten auf den umliegenden Feldern große, schwarze Flugzeuge wie Geisterschiffe leise dem Boden entgegen, wo sie aufsetzen wie in einem Traum! Es sind die ersten Staffeln von Gleitflugzeugen. Unser erster Fallschirmjäger gehörte zu einer Gruppe von Aufklärern, die abgeworfen wurden, um die Absprungzonen und Landegebiete anzuzeigen. Stunden vergehen. Wir bleiben draußen auf dem Hof. Zwischen die Detonationen und Explosionen mischt sich ganz in unserer Nähe das Hufgeklapper von Pferden, die in Panik von ihrer Koppel entlaufen sind. Ich würde gern aus dem Hof hinausgehen, um zu sehen, was weiter weg vor sich geht, aber meine Mutter bringt mich davon ab.

Der Tag des 6. Juni: Jubel kommt auf… dann kehrt wieder die Angst zurück

Die Nacht weicht langsam Morgendämmerung des 6. Juni. Mich fröstelt in der kühlen Luft der frühen Morgenstunde. Die Familie Dumont geht nach Hause und wir zu uns hinein, um uns in der lauen und beruhigenden Atmosphäre des Hauses aufzuwärmen.

Plötzlich kommen vier oder fünf Soldaten mit runden Helmen und der Waffe in der Hand auf den Hof. Einer, wahrscheinlich der Chef, bummert heftig gegen die Tür und ruft mit einem starken Yankee-Akzent: „Wir amerikanische Soldaten... Sind hier Deutsche?“ Nach seiner Art eines selbstsicheren Eroberers zu schließen, könnte man meinen, er hätte den Krieg bereits gewonnen. Wir empfangen sie mit offenen Armen. Ihr Selbstbewusstsein ist so ansteckend, dass wir unsere Befreiung als vollzogen betrachten, als hätte sich in einer Nacht die gesamte deutsche Armee in Luft aufgelöst. Ein Augenblick der Euphorie. Ich kann nicht mehr still stehen, gehe raus, rein, hin und her, von der Eingangstür zum Schultor und wieder zurück. Ich sehe Fallschirmjäger vorbeikommen, die dicht an die Hecken gedrückt ihre Sammelpunkte ansteuern. Die meisten von ihnen haben das Gesicht schwarz beschmiert und lächeln mir merkwürdig unter ihrer seltsamen Bemalung zu. Manche ziehen ein wenig das Bein nach, andere sind umhüllt von der Ballonseide in Grün- und Brauntönen ihrer Fallschirme. Ihre massigen Gestalten unter dem breiten, runden Helm und das große Entermesser im Schaft ihrer schönen, hohen Schuhe aus gelbem Leder, ihre Haltung und ihr Gang, das alles erinnert an Geschichten von Banditen und dem Wilden Westen.

Ein junger Mann, der sich auf einem Nachbargut verdingt hatte und der, wie ich erst später erfuhr, in Wirklichkeit bei der Résistance war, erscheint mit weiteren amerikanischen Soldaten am Tor und bittet mich, ihnen als Dolmetscher zu dienen. Endlich kann ich mich nützlich machen! Derjenige, der wohl der Offizier sein muss, obwohl kein Dienstgradabzeichen ihn von den anderen unterscheidet, legt mir seine Generalstabskarte vor und deutet auf den Hof namens Noires Terres, der beim Dorf Fière in der Nähe der Eisenbahnstrecke Paris-Cherbourg zwischen den Bahnhöfen von Fresville und Chef-du-Pont liegt. Er möchte wissen, wie man am besten dorthin gelangt und fragt mich, ob in der Richtung deutsche Quartiere sind. Er hätte gern, dass jemand sie dorthin führt. „Ich mach' das“, sagt der junge Widerstandskämpfer, „ich kenne den Weg sehr gut.“ Und er geht mit ihnen los.

Eine andere Gruppe Soldaten hält vor der Schule und versucht auch, sich zu orientieren. Der Offizier winkt mich heran. Erfreut stellt er fest, dass ich Englisch verstehe. Er zeigt mir auf seiner Karte den Weg „La Chasse des trois Ormes“, neben dem sich sein Sammelpunkt befindet. Das ist ein kleiner Weg kurz bevor es zu Sainte-Mère-Eglise hinauf geht. Da die Amerikaner die Straße vermeiden wollen, wird die Marschroute ziemlich kompliziert: man muss die Breschen kennen, wo man durch die Hecken kann, um querfeldein zu kommen. Ich biete ihnen an, sie zu führen, der Offizier, der sich des Risikos bewusst ist, zögert mein Angebot anzunehmen. Da er aber keine Wahl hat, sagt er Kaugummi kauend schließlich „O.K.“ und gibt mir einen kleinen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter. Und schon gehen wir los. Als wir uns Sainte-Mère-Eglise nähern, rattert auf einmal eine Maschinengewehrsalve. Die Soldaten halten an. Meine Kehle ist wie zugeschnürt. Wenn ich allein wäre, würde ich schnell zurück zum Haus rennen, aber da sind ja meine Amerikaner. Noch sind zwei Weidewiesen entlang der Hecken zu durchqueren. Und da ist der Weg der Trois Ormes in Sicht. Mission erfüllt!

Ich muss nun denselben Weg in umgekehrter Richtung noch einmal zurücklegen, und diesmal allein. Der Weg erscheint mir endlos. Mir ist, als liefe ich auf der Stelle, wie in einem Albtraum, ohne voranzukommen. In den Feldern, die ich durchquere, vollführen leise Gruppen mir höchst seltsam anmutende Arbeiten. Beim Kreuz von Neuville installieren die Amerikaner ich-weiß-nicht-was quer über die Landstraße. Die drei Kinder von Dérot, dem Bauern aus der Nachbarschaft, und sein Gehilfe beobachten sie von der Stelle aus, wo der Schulweg auf die Landstraße trifft, genau gegenüber dem Kreuz. Ich geselle mich zur kleinen Gruppe der Neugierigen. Ein Soldat kommt auf uns zu und winkt uns weg. Ein anderer sitzt hoch oben auf dem nächsten Strommast und hat gerade das elektrische Kabel gekappt. Von seinem Hochsitz aus ruft er seinen auf der Straße beschäftigten Kameraden etwas zu, das ich nicht verstehe. Unverzüglich treten sie von der Stelle zurück, wo sie sich zu schaffen gemacht haben, und sie ziehen sich mit uns in den Schulweg zurück, während der andere eilig von seinem Mast herunterklettert und zu uns herüber kommt. Wir haben keinen blassen Schimmer, was nun passieren wird, aber wir sind sicher, dass etwas passieren wird.

Und es dauert auch nicht lange, schneller als man sagen kann, taucht ein deutscher Militärlastwagen gefolgt von einem Auto und einem Motorrad auf und fährt am Kreuz vorbei. Eine gewaltige Explosion, Rauch und Trümmerteile fliegen durch die Luft und zerfallen schließlich in einen einzigen großen Schrotthaufen... Dann ist es vorbei. Da begreifen wir, dass die Straße gerade von den Amerikanern vermint worden war. Aber die paar Deutschen, die an diesem frühen Morgen des 6. Juni mit hohem Tempo in Richtung Sainte-Mère-Eglise fuhren, werden es niemals begriffen haben.

Alle Leute aus dem Dorf kommen nun aus ihren Häusern, um die Fallschirmjäger zu empfangen, und man feiert bereits die Landung, indem man die Amerikaner auf ein Glas im Vorübergehen einlädt. Lachen, ein Oh und Ah über die neuartigen Dinge, wie zum Beispiel ein kleines Auto (einer der ersten Jeeps), das mit einem Segelflieger vom Himmel herunter gekommen ist.

Aber unsere Freude hält nicht lange an. Die Amerikaner stellen eine kleine Kanone am Kreuz auf, mir scheint, ich höre Gewehrgeratter. Auf dem Weg, auf den ich mich wage, duckt sich ein Soldat hinter einen Busch. Er bewegt sich nicht und krümmt sich, wie auf der Lauer. Sobald er mich gesehen hat, legt er geheimnisvoll seinen Finger an die Lippen und zeigt mir dann etwas auf der linken Seite. Ich richte meinen Blick in diese Richtung, und in dem Moment bleiben mir die Worte, die ich gerade sagen wollte, im Halse stecken. An der Wegbiegung nähern sich deutsche Soldaten im Gänsemarsch. Mit der Waffe im Anschlag streifen sie geduckt an der Hecke vorbei. Ich werde mir der unmittelbar bevorstehenden Gefahr bewusst und flüchte zum Haus. Kaum bin ich drin, klirren die Fensterscheiben von mehreren Maschinengewehrsalven.

Die „Boches“17 sind also noch immer da! Es ist kaum zu glauben! Ich bin so weit, dass ich mich frage, ob ich sie auch wirklich gesehen habe. O weh, meine Zweifel zerstreuen sich, als ich vom Fenster aus eine Gruppe graugrüner Uniformen vom Hof des Dumont her kommen sehe. Die Enttäuschung trifft mich wie ein Schlag. Ich klammere mich an die Hoffnung, dass es sich nur um eine kleine, isolierte Gruppe handelt, die versucht, das Gros der Truppe in Richtung Montebourg einzuholen. Da kommen auch schon von woanders her drei Amerikaner vorüber und werfen forschende Blicke in die Büsche und Hecken, bereit, auf die kleinste verdächtige Bewegung zu reagieren. Es ist ungefähr vier Uhr nachmittags. Ich gehe vorsichtig zurück ins Haus, und beobachte vom Fenster aus bis in die Nacht hinein ängstlich, was draußen vor sich geht. Offen gestanden sehe ich nicht viel. Erst am folgenden Tag erfahre ich von diesem und jenem ein wenig mehr über die Geschehnisse dieses Abends.

Die zunächst verunsicherten Deutschen haben sich wieder gefasst und neu formiert. Kleine Gruppen aus beiden Lagern liefern einander in den Feldern, auf den Wegen und den Pfaden ums Dorf herum Feuergefechte. Die Deutschen, die Verstärkung erhalten haben, gehen zum Gegenangriff über und bringen die Amerikaner in eine ziemlich kritische Lage. Ein Fahrradfahrer verkündet im Schloss, dass eine deutsche Kolonne von Émondeville her nach Neuville herunterkommt. Kaum sind die Amerikaner benachrichtigt, ist die Kolonne auch schon da. Überall sind Deutsche, um das Schloss herum, im Park, auf dem Hof, im Garten. Sie tauchen von allen Seiten her auf, kreisen das Schloss ein und nehmen es schließlich ein. Sie bringen verletzte Amerikaner mit, die sie gefangen genommen haben, sowie die Leiche von einem der Insassen des deutschen Lastwagens, der am Morgen auf den Minen am Kreuz von Neuville in die Luft gegangen ist - es muss der Fahrer sein, denn durch die Leichenstarre ist er in der Position geblieben, als hielte er noch das Lenkrad in der Hand. Sie haben ihn auf den langen Tisch in der Küche gelegt, wo er die Fliegen anzieht.

Kurzum, am Abend des 6. Juni ist die Lage, so wie wir sie in Neuville erleben, nicht gerade rosig und ziemlich konfus. Wir haben die Zuversicht nicht verloren, aber die Freude vom Morgen ist einer angstvollen Beklemmung gewichen.

Nacht vom 6. zum 7. Juni: die Deutschen kehren in beträchtlicher Truppenstärke zurück

Die hereinbrechende Nacht wird zu einer einzigen langen und beklemmenden Nachtwache. Wir haben die Fensterläden geschlossen, und da der Strom gekappt ist, hat meine Mutter eine alte Pigeon-Petroleumlampe hervorgeholt, die den düsteren Schein einer Totenwache im Zimmer verbreitet. Ich zwinge mich trotz aller wachsenden Bangigkeit optimistisch zu bleiben. Ich versuche gleichzeitig, die anderen zu beruhigen und zu überzeugen, dass wir die Koffer packen müssen, für den Fall dass wir überstürzt von hier weg müssen. Das bringt die Zeit herum und hält die Gedanken beschäftigt. Mir scheint, als hörte ich plötzlich das Geräusch einer marschierenden Truppe, dann unverständliche Worte, wie Befehle. Der Lärm kommt von der Landstraße her. Wir gehen hinaus in den Garten und diesmal hören wir eindeutig das Geräusch von Stiefeln zwischen dem Geklapper von Pferdehufen und dem dumpfen Rollen der Wagen heraus. Kein Zweifel mehr: die Deutschen kehren mit Verstärkung zurück. Wir müssen wieder hineingehen und warten, aber worauf? Ich wage nicht, daran zu denken.

Der Lärm ist näher gekommen. Die „Boches“ müssen nun in unserem kleinen Weg sein. Ich glaube sogar, dass sie vor der Schule anhalten. Mein Gott, ich höre die Wagen auf den Hof fahren, habe große Angst, will aber trotzdem wissen, was vor sich geht. Ich klettere auf einen Hocker, um durch die kleine Luke oben in der Tür auf den Hof zu schauen. Die Nacht ist ziemlich dunkel und ich erahne zwei lang gestreckte, vierrädrige Wagen mit Planen im Halbkreis, ohne sie deutlich zu erkennen. Die Umrisse dieser zwei schweren Karren, die an die uralten Planwagen der Pioniere im Wilden Westen erinnern, sind uns vertraut, seit sich die Treibstoffreserven der Deutschen langsam aufbrauchen. Der Hof ist jetzt voller Soldaten und Material. Flugzeuge, wahrscheinlich amerikanische, fliegen sehr tief vorüber: „Ganz sicher machen die uns gerade ausfindig“, sagt meine Mutter. „Mit einem derartigen Waffenlager im Hof können wir uns auf ein Gemetzel gefasst machen.“ Das Beruhigende an meiner Mutter ist, dass ihre Katastrophenvorhersagen niemals eintreffen. Sie ist so eine Art Anti-Kassandra, und genau das sage ich mir nun, um wieder ein wenig Optimismus zu gewinnen. Den benötigen wir auch, denn es kommen dauernd neue Truppen und nehmen Stellung in den Schützengräben, die vor kurzem im Garten des Pfarrhauses und den anliegenden Feldern ausgehoben worden sind. Sie graben auch neue auf dem Friedhof. Die Kanonen sind unter den großen Bäumen im Schlosspark getarnt.

In der Nacht vom 6. zum 7. Juni sind die meisten Häuser im Dorf von ihren Bewohnern verlassen, die sobald sie gesehen haben, dass die Deutschen zurückkommen, bestrebt waren, sich von der Landstraße zu entfernen, wo es am ehesten zum Zusammenstoß kommen würde. Es grenzt übrigens an ein Wunder, dass diese Flucht sich für manche nicht in eine Tragödie verwandelt hat. Ich erinnere mich an die Mutter Poussard, die Wirtin des „Bon Accueil“, wie sie mir einige Tage darauf ihre Version der Ereignisse in ihrem gewohnten Ton unerschütterlicher Gelassenheit schilderte: „Ich wollte ja, dass wir da bleiben, um auf den Laden aufzupassen, nicht dass wir ausgeplündert werden, aber die Mädchen haben Bammel gekriegt und Michel (ihr Sohn) war schon weg. Ich hab‘ ihnen gesagt, versteckt euch unterm Billardtisch und betet zur lieben Schwester Theresia.18 Aber sie wollten nicht da bleiben. Also sind wir zum Hof vom Dancourt. Als wir den Hof vom Pfarrhaus überquerten, waren da auf der einen Seite Deutsche im Schützengraben und auf der anderen Seite Amerikaner hinter der Hecke. Bestimmt haben die sich gegenseitig nicht gesehen. Also sind wir hübsch durch die Mitte übern Hof, mit den Armen in der Luft und haben gerufen: Zivilisten, Zivilisten!“ Oh selige Ahnungslosigkeit.

7. Juni: Neuville im Inferno des Gefechts

Soweit es für uns nachvollziehbar ist, begreifen wir jetzt, dass die Amerikaner als Fallschirmjäger abgeworfen worden sind, um unsere Halbinsel zwischen La Madeleine, Sainte-Mère-Eglise und Saint-Sauveur-le-Vicomte abzuschneiden.19 Die Deutschen besetzen noch den gesamten nördlichen Teil.20 Deswegen versuchen die vereinzelten Truppenteile nach Montebourg heraufzukommen, um von dort neu formiert und mit Verstärkung wieder nach Sainte-Mère-Eglise zurückzugelangen und die um die Stadt herum positionierten Amerikaner zu eliminieren. In Neuville sitzen wir in der ersten Reihe, um dem Hin und Her und den Konfrontationen der zwei Armeen beizuwohnen.

Am Morgen des 7. Juni ist Neuville also in deutscher Hand. Aber die Fallschirmabwürfe der Amerikaner gehen die ganze Nacht über weiter. Die Leute, die in der Nacht aus dem Dorf geflohen sind und nun zurückkommen, als sei nichts gewesen, um ihre Kühe zu melken, sehen alles Mögliche auf ihrem Weg: ein Segelflieger ist nicht weit vom Kreuz abgestürzt und liegt quer über dem Weg namens Chemin de la Fière; die Landschaft ist von den bunten Flecken der Fallschirme vollkommen übersät; einige sind in den Ästen der Bäume hängen geblieben und blähen sich leicht im Wind. Im Feld bei Quertier bietet sich ein traurigeres Schauspiel dar. Ein Unglückseliger ist bei der Landung am Boden tödlich verunglückt. Sein Gewehrlauf ist ihm in die Seite gerammt und hat ihm eine ungeheure Wunde zugefügt. Aber er war nicht sofort tot, denn er liegt mit gefalteten Händen auf dem Rücken, und dicht neben ihm sind Briefe und Fotos ausgebreitet. Ein junger Bauer nimmt sich die Zeit, neben dem Verstorbenen niederzuknien, ihm Papiere und Fotos in die Tasche seiner Uniform zurückzustecken und ihn mit seinem eigenen Fallschirmtuch zu bedecken!

Die Deutschen ihrerseits haben eine Fliegerabwehrkanone am Rande der Route Nationale 13 aufgestellt und auf Sainte-Mère-Eglise ausgerichtet. Lassen wir uns von Mutter Poussard, die gleich daneben wohnt, erzählen, wie sie das Ganze gesehen hat: „Stellt euch vor, das war eine klitzekleine Kanone. Mindestens ein Dutzend von denen sind darum herumgewuselt. Zwischen zwei Schüssen kamen sie Humpen holen. Ich konnte ihnen so oft sagen, wie ich wollte, sie sollen mir die leeren Humpen wieder zurückbringen, die Agnes (von Montebourg) würde mir ja keine mehr geben wollen. Die haben mich nicht mal gehört. Sie rannten davon, als hätten sie Feuer im Hintern, sogar ohne ihr Wechselgeld. Dabei konnten sie doch mit ihrer miesen, mickrigen Kanone keinen Krieg gewinnen.“

Die Amerikaner, die das Gelände vor Sainte-Mère-Eglise in der Hand hielten und das deutsche Geschütz geortet hatten (und weniger gering einschätzten als Mutter Poussard) belegten währenddessen die Umgebung mit Bomben beim Versuch, die Kanone zu treffen. Mit dem Ergebnis, dass das Haus gleich gegenüber der Herberge der Poussard und neben der Kanone, unter den Schüssen eingestürzt war. Als ich besorgt wissen wollte, ob die Bewohner des Hauses rechtzeitig herausgekommen waren, beruhigte mich die Mutter Poussard: „Sie leicht die Zeit dazu, weil die andern das Haus nicht gleich mit einem Schlag eingeschossen haben.“

Aber ganz in unserer Nähe erbebt der Boden im Laufe des Vormittags von einem tiefen Grollen. Fünf Kanonen auf Raupen (mittlerweile weiß ich, dass es sich um ein österreichisches 88-mm-Geschütz handelte) ziehen, unter Ästen getarnt, auf unserer kleinen Straße vorüber - eine ist sogar unter einem amerikanischen Fallschirmtuch verborgen. Die Geschütze fahren mehrmals bei uns vorbei als suchten sie nach einem strategisch günstigen Standort. Hoffentlich beziehen sie nicht gleich neben uns Position. Ich denke also, dass es dringend nötig ist, für den Notfall gerüstet zu sein, und zu überlegen, wie wir uns schützen können!

Es gibt in der Schule weder Keller noch Bunker noch Unterstand. Glücklicherweise sind die Wände wuchtig und massiv. Um uns vor Kugeln und Granatsplittern zu schützen, die durchs Fenster kommen könnten, richten wir Matratzen davor auf und legen einige gewölbt über das Sofa, wo meine Großeltern und meine Tante sitzen. Unsere Koffer stehen für den Fall einer hastigen Flucht bereit, mit allem darin, was uns lieb und teuer oder unentbehrlich ist.

Während dieser Vorbereitungen hat sich die Situation nur verschlimmert. Die Luft wird vom Knallen der Schüsse und Maschinengewehrsalven zerrissen. Als ich verstohlen einen Blick an der Matratze vorbei aus dem Fenster werfe, sehe ich nur, wie die Deutschen pausenlos schießen. Ein sicheres Zeichen, dass die Amerikaner noch da sind, sage ich mir zum Trost. Seit gestern haben wir nichts mehr gegessen, aber nur mein Großvater hat Hunger. Ich könnte überhaupt nichts herunterbringen, ich spüre weder Hunger noch Durst noch Müdigkeit. Gegen Ende des Vormittags schicken uns die Leute vom Nachbarhof, die zurückgekommen sind, ihre Kühe zu melken, während einer Gefechtspause ihren Gehilfen mit Milch. Er bringt uns Neuigkeiten von den Kämpfen: anscheinend sind viele Deutsche bei Port (einem Weiler von Neuville auf der anderen Seite der Hauptstraße am Rande des Sumpfgebietes, in Richtung Fresville), aber es landen weiterhin ganze Wolken von Segelfliegern. Das mag stimmen oder nicht, aber da es eine gute Nachricht ist, wollen wir gern daran glauben.

Zu Beginn des Nachmittags geht die Schießerei wieder los, viel dichter als am Morgen. Pech und höchst beunruhigend für uns: eines der österreichischen 88-mm-Geschütze stellt sich genau vor dem Schultor auf. Wir verkriechen uns wieder unter die Matratzen. Die vermaledeite Kanone kommt zum Einsatz und beschießt Sainte-Mère. Ich werfe einen Blick schräg durchs Fenster, die Granaten stapeln sich auf dem Geschütz; ich sehe einen riesigen Haufen darauf. Ein Kanonier reicht die Granate dem weiter, der nachlädt. Ich höre sie klickernd ins Rohr rutschen und dann geht der Schuss los. Die deutschen Artilleristen schießen wie besessen.

Aber genau da kommen die amerikanischen Flugzeuge ins Spiel. Und zwar diese kleinen Flieger, die sogenannten Artilleriespitzel. Sie fliegen direkt über den Hof, und einmal so tief, dass ich einen Augenblick lang eindeutig den Kopf eines Mannes im Cockpit erkenne. Jedes Mal, wenn er den Hof überfliegt, schicken ihm unsichtbare Maschinengewehre einen Kugelhagel hinterher. Aber er scheint unverwundbar, zieht wieder hoch und verschwindet ohne zu kontern in Richtung Sainte-Mère. Ich bewundere ihn, aber ich verstehe weder sein Manöver noch, was er vorhat. Aber gleich werde ich Bescheid wissen.

Miaaaauuuuu... Rumms... Scheiben bersten. Eine Granate ist soeben ganz nah eingeschlagen. Keine deutsche Granate. Es sind die Amerikaner, die zum Gegenangriff übergehen. Ihr kleiner Flieger kommt wieder und wieder, und sobald er vorüber ist: Miaaauuuuu... Rumms... Er ist es also, der die Stellung der deutschen Kanone ausmacht und beschießt. Weh uns!

Ich drücke mich unter der Matratze eng an meine Mutter, halte ihre Hand fest in der meinen. Auch meine normalerweise so lebhafte Hündin drückt sich ganz eng an mich und bleibt reglos still. Das Gejaule der Granaten nimmt zu und kommt näher. Der Abstand zwischen dem Pfeifen und dem Knall wird immer geringer. Bei jedem Mal ziehen wir die Schultern ein und spannen die Muskeln an, wie um den Schlag abzuwehren.

Kawumm! Eine ohrenbetäubende Explosion. Ich höre gar nichts mehr. Die Granate ist so nah eingeschlagen, dass ich sie nicht habe pfeifen hören. Als ich nach der ersten Betäubung zu mir komme, riskiere ich einen Blick aus dem Fenster. Das Haus von Dupont ist in einer Staub- und Rauchwolke verschwunden. Einen Moment Stille... und dann sehe ich den Vater Dupont und seine drei Kinder über den Hof rennen. Bleich und zitternd kommen sie herein. Wir wühlen uns unter unseren Matratzen hervor, um sie zu empfangen. Eine Granate hat soeben ihr Haus durchschlagen.

Die kleine Gruppe gerät in Panik. Maman betet, um sich von ihrer Angst abzulenken. Großmutter hält die Kinder zum Beten an: „Lieber Gott, beschütze uns! Herr, erbarme Dich unser!“ Sobald die Litanei ihr nicht mehr über die Lippen zu kommen droht, bringe ich sie wieder in Schwung, denn obwohl ich überhaupt nicht daran glaube, so ist es doch die beste Möglichkeit, die Kinder und die Erwachsenen von der Angst abzulenken. „Heilige Margarete, Patronin von Neuville, beschütze uns... O Maria, ohne Sünde empfangen...“ Die Deutschen scheinen selbst ziemlich kopflos. Ich höre sie reden, herumgehen, rennen. Ein paar kommen in den Hausflur, steigen zum Dachboden hinauf und schießen von der Dachluke aus. Sie sehen uns nicht einmal, werfen uns im Vorbeigehen nur einen flüchtigen, ein wenig irren Blick zu... Da sie wissen, dass sie geortet worden sind, haben sie endlich ihre Kanone woanders aufgestellt. Leider zu spät für uns!

Das Fenster springt mit einem gewaltigen Krachen auf, und das Zerspringen der Fensterscheiben ist nur eine leise Note im schrecklichen Lärm. Das Haus krackt beängstigend und scheint unter der höllischen Druckwelle voll Staub und Pulvergeruch, der uns in der Kehle brennt, auseinanderzubrechen. Ich befinde mich jenseits der Angst, wie in Transe. Kein Gefühl. Völlig im Leerlauf. Ich habe aufgehört zu existieren. Wenn man auf der Stelle tot ist, denke ich, geht man so in die Ewigkeit ein. Das erste, was mich wieder zum Leben erweckt, ist die warme und feuchte Zunge meines kleinen Hundes, der mir die Nase leckt.

Wir können nicht sofort das Ausmaß des Schadens ermessen. Wir bleiben unter unseren Matratzen, denn der Beschuss geht gerade verstärkt wieder los. Als er im Laufe des Abends nachlässt und wir langsam aus dem Chaos hervorkommen, stellen wir fest, dass der Hof von Trümmern übersät ist, dass es unsere Türen und Fenster herausgerissen hat, dass die Wände noch stehen und dass die Deutschen noch da sind.

In der Nacht vom 7. zum 8. Juni: ein verirrter Wehrmachtssoldat

Am Abend genau an dieses schrecklichen Tages kommt es zu einer seltsamen Begegnung, die ich für meinen Teil niemals vergessen werde. Auf einmal steht die hohe Gestalt eines jungen deutschen Offiziers im Türrahmen. Er ist aschfahl und die wenigen Haare, die unter dem Helm herausschauen, kleben an seiner Stirn. Er klappert mit den Zähnen und wird von einem Zittern geschüttelt, dessen er nicht Herr wird. Er hat Maman und mir gegenüber Platz genommen, auch gegenüber dem Fenster, ich versuche ihn, zum Sprechen zu bringen, aber er scheint kein Wort Französisch zu verstehen. Ich lasse nicht nach und bringe ein paar mir bekannten deutschen Wörter auf, um mit ihm ins Gespräch zu kommen. Ich frage ihn: „Americans kaputt?“ Der Deutsche schüttelt den Kopf. Ich bemühe mich, meine Genugtuung zu verbergen und scheinbar ungezwungen fahre ich fort: „Americans Sainte-Mère-Eglise?“ „Ya“, antwortet der Deutsche. Ich frage weiter: „Americans here?“ Der junge Mann hebt die Schultern, wie um zu sagen, dass er keine Ahnung habe.

Nach und nach hat er sich von seinem Entsetzen erholt. Er setzt den Helm ab und zeigt mir die Beulen darauf. Er kämmt sich kurz und setzt seine Offiziersmütze auf. Er zieht auch die Handschuhe aus seiner Tasche hervor und eine Schachtel Zigaretten... amerikanische. Er bietet mir eine an, ich nehme sie an und rauche; es ist meine erste Zigarette und eine der wenigen, die ich jemals im Leben geraucht habe, aber es gibt Momente, in denen man sich unbedingt beschäftigen muss, um sich zu beruhigen.

Da schaut er intensiv zum weit offen klaffenden Fenster hin, mit starrem Blick spitzt er die Ohren. Ich selbst höre nur das Rattern der Maschinengewehre, die aufeinander zu schießen scheinen. Die einen schießen richtige Salven und rasch hintereinander: „Deutsch“, sagt der Offizier. Die anderen haben ein klareres, von einander abgesetztes Tack-Tack: „Américain“, präzisiert er. Ich frage ihn: „Wieviel Meters?“ Ich erfahre, dass die amerikanischen Gewehre, die wir hören, nur hundert Meter entfernt sind. Innerlich jubiliere ich und übersetze meiner Mutter, was ich eben erfahren habe. Zwei aufeinander folgende Explosionen übertönen den Lärm der Kugeln und Granaten. Dann kommen in regelmäßigen Abständen Schüsse von Beaudienville her, einem Dorf in Richtung der Küste, am Ende der Nebenstraße, die von der Kirche von Neuville aus am Pfarrhaus vorbeiführt. Der Deutsche - ich lasse ihn nicht aus den Augen - erzittert. „Was ist das?“ „Tanks américains“, murmelt er.

Daher fühle ich mich auf einmal trotz der ununterbrochenen Explosionen in einen Freudentaumel versetzt. Die Hoffnung kehrt zurück, die Amerikaner sind da, ganz nah. Der Deutsche scheint wie wir zu erwarten, sie jeden Augenblick auftauchen zu sehen. Aber er, worauf wartet er eigentlich? Was gedenkt er zu tun, wenn sie hier ankommen? Seit er da ist, haben wir keine Deutschen mehr im Flur hin und her gehen sehen. Er scheint allein übrig geblieben zu sein. In einer Gefechtspause ist er aufgestanden und im Haus herumgegangen. Wir haben gehört, wie er an Töpfen und am Kessel in der Waschkammer hantierte, als suchte er etwas zu essen oder zu trinken. Dann ist er zum Dachboden hinaufgestiegen und mit einem Maschinengewehr in der Hand wieder heruntergekommen. Aber er hielt es überhaupt nicht schussbereit. Sobald meine alte Tante das Gewehr bemerkt hatte, das er zuerst gegen die Flurwand gelehnt hatte, gab sie ihm mit Gesten zu verstehen, dass er es hinauswerfen müsse. Und brav ging er es in die Grube bei der Gartenhecke werfen.

Mit dem Abend ist vorübergehend Ruhe eingekehrt. Die Gefahr scheint gebannt, und wir verlassen unseren Unterschlupf aus Matratzen, aber wir befestigen wieder eine im Fensterrahmen, um das Licht der Petroleumlampe zu verbergen, das weniger düster ist als das Nachtlicht oder die Kerzen. Die Kleine vom Dumont ist endlich eingeschlafen und mein Großvater schnarcht im Zimmer nebenan. Wir haben versucht zu essen, aber die Kehle ist uns wie zugeschnürt und wir haben nichts Festes hinunterbekommen, gerade ein bisschen von der Milch, die uns der kleine Gehilfe am Morgen vom Hof gebracht hat.

Nun ist es Nacht geworden und der Deutsche ist seit mindestens drei Stunden bei uns... mit uns. Stunden vergehen, die scheinbar nichts mit diesem Krieg zu tun haben, der jedoch da ist, so nah. Es ist seltsam, aber unser Deutsche ist uns menschlich so vertraut geworden, dass ich ihn nicht mehr als Feind auffasse. Ich bin sogar sicher, dass ich mir im Grunde meines Herzens wünsche, ihm möge kein Leid geschehen, und könnte ich etwas tun, um ihm das Leben zu retten, würde ich es tun. Ich verstehe endlich, dass er darauf wartet, dass die Amerikaner eintreffen und dass sie ihn gefangen nehmen: er ist unbewaffnet und zeigt mir, dass das Magazin seines Revolvers leer ist, die Kugeln hat er in den Kessel in der Waschkammer geleert, als er seinen kleinen Rundgang durchs Haus unternommen hatte.

Das Geräusch der Maschinengewehre hat sich entfernt, es flackert nur noch gelegentlich auf. Die Nacht ist nun beinahe ruhig. Plötzlich scheint der Mann eine Entscheidung getroffen zu haben. Er erklärt mir, dass er versuchen wird, die Seinen zu erreichen, und zwar über den Weg, der ihn nach Emondeville bei Montebourg über Houlbecq, Saussetour und Le Buisson führt. Tatsächlich schießen die Deutschen jetzt von dort her.

Unser „Gast“ gibt uns zum Abschied die Hand, und wie der Amerikaner anderntags, entschwindet er in der Nacht und geht seinem Schicksal entgegen.

Morgen des 8. Juni: Es wird Tag!

Endlich! Noch nie ist mir eine Juninacht so lang vorgekommen. Ich kann es nicht erwarten, den Fuß vor die Tür zu setzen, um zu sehen, ob die Amerikaner da sind, und auch wie es den Nachbarn und Freunden geht, und was von unserem kleinen Dorf noch übrig ist.

Ein Bild der Verwüstung und des Schreckens. Der Schulhof ist von einer unbeschreiblichen Menge aller möglichen Trümmer übersät. Ein Fahrrad, das es hierher geschleudert hat, liegt in tausend Einzelteilen überall verstreut, hier verbogene Räder, dort zerfetzte Reifen, Schutzbleche woanders, und so etwas wie der Rahmen auf dem Schulhofdach. Ich weiche schaudernd vor einer blutigen Masse zurück, fasse mich aber schnell und gehe näher drauf zu. Es ist kein menschliches Fleisch. An manchen Stellen bemerke ich braunrote Fellbüschel, es ist sicher eines der Pferde, die den Karren der Deutschen zogen. Ein anderes Pferd mit einer Wunde wiehert schmerzerfüllt. Das in Bächen an ihm herunter geflossene Blut ist auf seinen Flanken geronnen.

Das war erst der Anfang einer Reihe von schaurigen Anblicken. Am Schultor steht ein deutscher Soldat, ein wenig nach hinten geneigt, als ob er gleich nach hinten kippen würde. Er ist wie mitten im Fall aufgehalten, hält sein Gewehr noch in der Hand. Merkwürdig! Ich gehe ein wenig näher, spreche ihn an. Er antwortet nicht, steht da wie zur Salzsäule erstarrt. Ich sehe genauer hin: Sein Gesicht ist schon leicht grünlich. Die Leichenstarre hat ihn mitten in der Aktion übermannt, und so schnell, dass er nicht einmal Zeit hatte umzufallen.

Ganz in der Nähe davon ist unser österreichisches 88-mm-Geschütz von gestern nur noch ein Haufen Schrott. Eine Granate ist mitten im Wagen mit der Munition eingeschlagen. Der Hauptteil des Wracks ist quer über den Graben gegen die Böschung gesunken. Der ganze Boden ringsum ist voll von Trümmern: dicke abgerissene Raupenketten, verbogene Panzerteile, verstreute Waffen und Helme, und zwischen alldem liegen bewegungslos etwa zehn Tote, die meisten grauenhaft verstümmelt. Neben einem von ihnen Fotos und Briefe: ein kleines Haus mit spielenden Kindern und einer jungen Frau. Hier und da blutdurchtränkte Verbände und Bandagen. Ich begreife das Entsetzen des jungen Offiziers, der sich gestern zu uns geflüchtet hatte.

Der Bauernhof hinter der Schule ist zur Hälfte zerstört. Die meisten Häuser sind beschädigt: wie Schaumlöffel durchlöcherte Dachbeläge, kaputte Fenster. Dicke Äste und sogar ganze geknickte Bäume liegen quer über den Weg. In den großen Buchen, hinter denen sich gestern die deutsche Kanone verschanzt hatte, hängen nach oben geschleuderte Fetzen. Sie bleiben dort den ganzen Sommer und den Winter über, bis die letzten Lumpen im Wind des Vergessens zerfasern.

Die Deutschen sind aber anscheinend nicht mehr da. Als ich mich von unserer Schule weiter weg wage, sehe ich hinter den Hecken, die den Weg säumen, große runde Helme auftauchen - die der Amerikaner. Ich versuche mit den Soldaten ins Gespräch zu kommen, aber ich spüre, dass sie zurückhaltend, ernst und misstrauisch sind. Granaten jaulen noch, zwar ziemlich weit entfernt, aber trotzdem gefährlich genug. Ein Soldat sagt und deutet mir, ich solle umkehren und nach Hause zurück gehen.

Was in der Nacht im Schloss geschehen ist

Von drei Dorfbewohner, die mir da begegnen, erhalte ich weitere Informationen. Es hat keine Opfer unter unseren Dorfbewohnern gegeben. Aber für die Leute vom Schloss war es eine besonders bewegte Nacht. Die Deutschen, deren Kanonen weiter auf Sainte-Mère-Eglise geschossen hatten und im Gegenzug von den Amerikanern beschossen wurden, zählten zahlreiche Verwundete. Sie haben das Schloss zu ihrem Lazarett gemacht und dort Sterbende, Verstümmelte und Verkrüppelte auf Sofas und Fauteuils deponiert. Der Tisch im Esszimmer, den man im Hinblick auf ein Hochzeitsmahl, das nächsten Samstag stattfinden sollte, ausgezogen hatte, dient21 als Operationstisch. Das Blut tropft auf das Parkett, auf die schönen rosa- und blaufarbenen Teppiche im Salon. Die Vorhänge der Fenster werden heruntergeholt, um daraus Bandagen zu machen. Einmal sind so viele Verwundete auf dem Tisch, dass er unter der ganzen menschlichen Last zusammenbricht. Das weitläufige Anwesen ist völlig von Schreien und Stöhnen erfüllt.

Inmitten dieses blutigen Durcheinanders hat ein etwas außergewöhnlicher Verwundeter die Aufmerksamkeit einiger Schlossdiener auf sich gezogen. Ein Amerikaner, Fallschirmjäger, nicht allzu schlimm „verunstaltet“. Die Deutschen, die mit Dringenderem beschäftigt waren, haben ihn auf dem Absatz der Freitreppe gelassen. Da er genau vor der großen Fensterfront saß, konnte er alles sehen, was draußen vor sich ging. „Er lauschte aufmerksam auf die Geräusche“, erzählten sie, „als wollte er begreifen, was für welche es waren und woher sie kamen. Auf seinem Gesicht spiegelten sich zugleich Schmerz und Freude wider. Als wir noch einmal an ihm vorbeikamen, nachdem wir Vorräte aus den Küchen geholt hatten, machte er heimlich, damit der Wachposten es nicht sähe, eine Geste des Triumphes, indem er mit dem Finger auf etwas draußen zeigte, das wir nicht rechtzeitig erkennen konnten, weil der Wachposten sich umgedreht hat.“ Dieses Etwas war das Eintreffen der amerikanischen Panzer, die ja unser Deutscher auch hatte kommen hören.

Tatsächlich erschienen sie auf dem Weg von Beaudienville. Über ein Dutzend im Gänsemarsch und aus allen Rohren schießend, zerstörten sie die restlichen 88-mm-Geschütze. Für die Deutschen im Schloss von Neuville war das das Zeichen zum überstürzten Rückzug in Richtung Edmondeville und Montebourg gewesen. Am Morgen des 8. Juni ist das Schloss nun von den Amerikanern besetzt, und die deutschen Verwundeten sind die Gefangenen. Ihr Feldarzt ist bei ihnen geblieben und pflegt die einen wie die anderen mit derselben Hingabe.

Nachmittag des 8. Juni: die Flucht der Bewohner von Neuville nach Ecoqueneauville

Wir glaubten, dass die Gefechte in unserem Sektor nun endgültig beendet seien. Die immer zahlreicher werdenden Amerikaner festigten ihre Stellung auf dem zurückeroberten Gebiet. Wir hatten den Eindruck, dass unser Leben beinahe wieder den gewohnten Lauf nehmen könnte, dass der Krieg von nun an die Sache der anderen, weiter weg wäre.

Aber da kommen am frühen Nachmittag zwei Amerikaner zu uns und sagen, wir müssten das Haus verlassen, denn sie hätten die Felder ringsum in Erwartung eines deutschen Gegenangriffs vermint. Ich versuche sie zu überzeugen, dass es mit drei Kindern und drei betagten Leuten wohl ziemlich schwierig sei, sich auf den Weg zu machen. Wohin auch? Der Soldat erklärt mir auf englisch, dass sie uns nicht zum Weggehen zwingen würden, es aber Wahnsinn sei, da zu bleiben. Er zeigt mir eine Marschroute nach Sainte-Mère-Eglise: nicht über die Landstraße, die noch von der deutschen Artillerie mit Feuer belegt wird, sondern durch die Felder, den Hecken entlang, nicht zu nah daran, nicht zu weit davon weg. Er erklärt mir, wo die Minen im Feld gegenüber ausgelegt sind, das wir als erstes durchqueren müssen. Er fügt hinzu: „Ich vertraue Ihnen da ein Militärgeheimnis an.“

Wir müssen also los. Eilig raffen wir einige Kleidungsstücke zusammen; die Koffer sind ja glücklicherweise schon für den Notfall gepackt. Mein großer Hund springt freudig herum, im Glauben, wir gingen mit ihm spazieren. „Halten Sie den gut fest“, sagt der Offizier, „nicht, dass er eine Mine hochgehen lässt und Sie gleich mit, und bleiben Sie im Gänsemarsch mit einem gewissen Abstand zueinander.“

Ich gehe mit meinem großen Hund voran. Maman folgt mir. Dahinter kommen die Kinder vom Dumont, zuerst der Junge, dann die große Schwester mit der Kleinen an der Hand. Dann meine alte Tante mit dem kleinen Hund an der Leine, dann meine Großmutter. Als Schlusslicht der Vater Dumont und mein Großvater mit seinen 84 Jahren. Jeder - auch die ganz Kleine - trägt ein Gepäckstück, das seinen Kräften entspricht. Von Angst und Traurigkeit ergriffen und vom Wunsch angetrieben, so schnell wie möglich eine Zuflucht in der Nähe zu finden, sind wir fast unempfindlich gegen die Gräuel, denen wir begegnen.

Ganze Herden liegen auf ihren Weiden verteilt und verbreiten einen bestialischen Gestank. Die wie Lederschläuche aufgedunsenen Leiber werden Schwärmen von Fliegen zur Beute, die auf den Fleischwunden nur so wimmeln. Ein Pferd liegt mit aufgerissenem Bauch auf blutigem Gras im Sterben. Ein junges Fohlen wiehert traurig beim Versuch, an den Zitzen seiner toten Mutter zu saugen. Kühe, die nicht gemelkt wurden, brüllen schaurig. Ich versuche den Blick abzuwenden. Ich will das nicht mehr sehen. Wir laufen wie in einem Albtraum, so schnell wie Großvaters Beine und die der kleinen Dupont können. Als ich über eine Bresche springe, spüre ich auf einmal etwas Weiches unter den Füßen und als ich mich umdrehe, um meiner Mutter die Hand zu reichen, sehe ich zwei Kadaver im Graben. Ich bin direkt darauf gesprungen, ohne sie zu sehen.

Da gelangen wir zu einer kleinen Häuseransammlung. Vielleicht können wir dort ein wenig rasten. Aber auch hier gab es Gefechte. Die Häuser sind menschenleer. In einem erweckt der noch gedeckte Tisch den Anschein, als seien die Leute überstürzt aufgebrochen, was für uns alles andere als beruhigend ist. Ein Deutscher liegt bäuchlings ausgestreckt vor einer Tür. Überall ringsum Leichen von Soldaten, Federvieh und die eines kleinen Hundes. Und von Zeit zu Zeit gehen noch Schüsse über uns hinweg.

Ein anderes Dorf ist in Sicht, Beauvais. Wir gelangen mühsam dorthin. Der gleiche Anblick der Verwüstung: verlassene Häuser, totes Vieh. Aber menschliche Stimmen mit dem Dialekt unserer Gegend zerstreuen den Albtraum. Es ist eine Gruppe von Bauern, die zurückkommen, um nützliche oder kostbare Dinge zu holen, die Kühe zu melken und das Vieh zu versorgen. Nach getaner Arbeit wollen sie gleich wieder Richtung Ecoqueneauville. „In der Gegend dort“, sagen sie, „gibt es viele Amerikaner, und es landen ununterbrochen neue. Dort ist man sicherer als hier.“ Und sie raten uns ihnen zu folgen. Ich weiß nicht mehr so genau, wo es nach Sainte-Mère geht und denke, es ist ratsamer und beruhigender bei ihnen zu bleiben, und so gebe ich meiner kleinen Truppe den Befehl: „Los, ihnen nach!“

Den Leuten zu folgen ist leichter gesagt als getan, die meisten von ihnen sind relativ jung und die Angst verleiht ihnen Flügel. Für uns mit den Kindern und Alten sieht die Sache anders aus. Bald bleiben wir hinten zurück, und zwar mit so großem Abstand, dass wir die anderen nicht einmal mehr sehen, was uns Probleme bereitet, den richtigen Weg zu finden, denn es fällt mir schwer festzustellen, in welcher Richtung Ecoqueneauville liegt. Wir gehen aufs Geratewohl weiter und werden immer langsamer. Mein Großvater und die Kleine vom Dumont fragen häufig, ob wir bald da sind. Schließlich ist der arme Alte am Ende seiner Kräfte, lässt sich fallen und sagt zu uns: „Geht ohne mich weiter, ihr könnt mich morgen nachholen.“ Selbstverständlich kommt es nicht in Frage, ihn da allein zu lassen. Ich gehe auf Erkundung aus, um auf einem Hof in der Umgebung eine Schubkarre zu finden und Großvater damit weiter zu transportieren. Und durch Zufall finde ich etwas weit Besseres als eine Schubkarre: eine Kutsche, und zwar die vom Neffen der Mutter Poussard, der sich in der Gegend befindet. Meine Idee mit der Schubkarre lässt ihn laut auflachen. Schnell hat er angespannt und wir sind sogleich wieder bei unserer kleinen Gesellschaft, die uns gar nicht so schnell zurück erwartet hat und völlig verblüfft ist, als ich mit diesem Gespann zurückkomme. Die beiden kleinen Mädchen steigen mit den Großeltern und dem Gepäck auf. Maman und ich setzen mit dem Rest der Truppe und den zwei Hunden zu Fuß den Weg nach Ecoqueneauville fort.

9.bis 11. Juni: wir sind Flüchtlinge

Ecoqueneauville, eine kleine Gemeinde von ungefähr hundert Einwohnern, beherbergt zu diesem Zeitpunkt viele Flüchtlinge aus Sainte-Mère-Eglise und der Umgebung. Die Leute nehmen uns mit einer unglaublichen Herzlichkeit auf und der warmherzige Empfang hilft uns, die trostlose Flucht zu vergessen. Die Lehrerin lädt meine Mutter und mich ein, bei ihr zu wohnen. Sie hat sogar einen Lagerraum, in den unser Hund darf. Der Vater Dumont und seine drei Kinder kommen bei dem Bauern unter, der uns so großherzig bis hierher gefahren hat. Großvater und Großmutter bekommen ein gutes Bett bei einem Ehepaar am anderen Ende des Dorfes. Meine alte Tante wird ganz in ihrer Nähe wohnen, bei einer alten Dame, die mit ihrer Tochter allein lebt. Da wir auf dem Lande sind, fehlt es nicht an Lebensmitteln. Man bringt uns Eier, Milch und Schweinefleisch im Überfluss, und mangels Brot eben einfach Buchweizencrêpes.

Nachdem wir uns gestärkt haben, hoffen wir, ein wenig ausruhen und schlafen zu können. Reines Wunschdenken. Im Dorf wimmelt es nur so von Amerikanern, und ununterbrochen ziehen Truppen reihenweise die Straße entlang von der Küste herauf. In den Apfelhainen stapelt sich unter den Bäumen getarnt die Munition. Als es Nacht geworden ist, kaum dass wir uns schlafen gelegt haben, stört ein Flugzeugbrummen die Stille. Sogleich feuert die amerikanische Luftabwehr los, die ganz in unserer Nähe postiert ist. Das Schulhaus erbebt überall so sehr, als stürze es jeden Moment über uns zusammen.

Mit einem Satz sind die Lehrerin, ihre zwei Kinder, Maman und ich aus dem Bett, alle eilig und völlig verkehrt angezogen, da die Panik die Dinge und Handgriffe durcheinander bringt. „Versuchen wir zum Bauernhof gegenüber zu kommen“, sagt meine Kollegin, „sie haben dort einen soliden Unterstand unter der Treppe.“ Als wir den Weg dorthin überqueren, sehen wir mit Entsetzen ein brennendes Flugzeug über uns abstürzen. Einen Augenblick lang wirkt es so, als würde es uns direkt auf den Kopf fallen. Aber nein, es stürzt in ein nahegelegenes Feld, explodiert und brennt vollends aus. Das alles passiert schneller, als man es beschreiben kann. Wir überqueren den Hof des Bauernhofs. Wir sollten eigentlich rennen, aber Mutter ist in der Eile in die großen Lederpantoffel des Deutschen, der in der Schule untergebracht war, geschlüpft und kann damit nur schlecht laufen. Die Gewehrsalven sind so heftig, dass wir uns einmal unter einem großen Karren in einem Schuppen des Hofs flach hinlegen. Aber der Unterschlupf ist nicht sicher. Mit einem letzten Satz sind wir endlich bei der Haustür. Gehetzt klopfen wir an: „Macht auf, schnell, macht auf!“ Sogleich öffnet sich die Tür. Uff! Noch einmal gerettet!

Im großen Saal haben die Bauernleute alle ihre Matratzen auf den Boden gelegt. Da sind gut ein Dutzend Flüchtlinge aus der Umgebung zusätzlich zu den Leuten vom Hof, welche die Zimmer der oberen Stockwerke geräumt haben. In einem kleinen Gitterbett liegt eine alte neunzigjährige Dame. Ihre siebzigjährige Tochter liegt neben ihr. Die alte Dame hat weder eine Ahnung, was vor sich geht, noch erkennt sie den Ernst der Lage. Wenn die Schießerei zunimmt, drängen sich alle unter der besagten Treppe zusammen. Dann passt es der alten Dame nicht, dass sie aufstehen muss. Und da die Leute laut reden, wird sie wütend und sagt: „Seid still, sie werden euch noch hören!“ Trotz unserer Heidenangst müssen wir darüber lachen. Die Heidenangst lässt uns auch ausgiebig Gebrauch vom Nachttopf der alten Dame machen. Sie protestiert: „Da machen die einfach alle in meinen Pott! Das wird miefen… Sie könnten ihr Geschäft doch wohl wirklich draußen erledigen… Wo werd‘ ich denn hin machen, wenn mein Eimer voll ist?“ Wie soll man da nicht lachen, trotz des Arsenals ganz in der Nähe unter den Apfelbäumen, das bei der ersten deutschen Bombe in die Luft fliegen kann?

So ungefähr wird jede Nacht unseres Aufenthaltes in Ecoqueneauville aussehen, weil die deutschen Flugzeuge uns weiterhin bedrohen. Glücklicherweise verlaufen die Tage ruhiger. Da sind ganz viele Amerikaner und ich werde als Dolmetscher herangezogen. Die einen sind dafür zuständig, die Leichen ausfindig zu machen, die dann wieder andere mit Lastwägen abholen, um sie auf die Militärfriedhöfe zu bringen, die sie bei Sainte-Mère-Eglise angelegt haben. Die Bauern sagen mir, wo welche liegen und ich führe die Amerikaner hin. Wir zählen täglich neue Leichen auf den Feldern. Oft führt uns der Geruch zu ihnen. Einige sind schrecklichen Verwundungen erlegen. Manchmal scheint der Tote in Schlaf versunken. An einer Stelle nah bei einem kleinen abgeschiedenen Haus sind ein Amerikaner und ein Deutscher einander von Angesicht zu Angesicht gegenüber gestorben; sie lehnen an den Hecken, jeder auf einer Seite des Weges. Sie halten noch ihre Waffe in der Hand. Sie müssen sich gleichzeitig gegenseitig umgebracht haben.

Wenn die Amerikaner kommen, durchsuchen sie den Toten, drehen und wenden ihn, nehmen ihm Uhr, Ringe, Geld und Papiere ab, stecken alles in einen kleinen Beutel, lesen auf seiner Erkennungsmarke nach und schreiben den Namen des Toten auf das Bündel mit seinen Reliquien. In kurzer Zeit werden drüben in Amerika eine Frau, Eltern, Kinder erfahren, dass sie ihren G.I. niemals wiedersehen werden. So ist der Tod, so ist der Krieg.

Und inmitten alldem ist es für uns fast so wie in den Ferien. Das Wetter ist wunderbar und der üppigen Natur scheint das Blutbad völlig egal zu sein. Zu dieser Jahreszeit herrscht am Land ein einziges Grünen und Blühen, und die Vögel bevölkern fröhlich und bunt das junge Laub. Die Dorfbewohner und vor allem die Flüchtlinge, die ja nichts zu tun haben, wandeln durch diese unglaubliche Landschaft. Hemdsärmelig gehen wir spazieren, schwatzen und jeder erzählt, was er gehört oder gesehen hat, was er weiß oder zu wissen meint. Wir pilgern zu den Schauplätzen, wo es zu Kämpfen gekommen ist und jeder gibt seine eigene Meinung zur Strategie der Schlacht ab.

Der 12. Juni und die Tage darauf: Rückkehr nach Neuville

Das Schlachtgeschehen hat sich nun weit genug entfernt, so dass wir unsere Rückkehr nach Neuville, zu uns nach Hause ins Auge fassen können, mit der zugegeben beängstigenden Frage: „Haben wir überhaupt noch ein Zuhause?“

Der Neffe der Mutter Poussard, der uns bereits so sehr zu Hilfe gekommen ist, bietet sich erneut an, unsere Alten mit dem Karren zurückzufahren. Der Vater Dumont, der Tagelöhner ist, hat eine Anstellung in Ecoqueneauville gefunden und bleibt dort mit seinen drei Kindern. Das ist im Moment das Beste, was er machen kann, denn sein Haus ist in erbärmlichem Zustand. Meine Mutter und ich brechen mit anderen Flüchtlingen, die wieder nach Sainte-Mère-Eglise zurückkehren, zu Fuß auf. Nach Sainte-Mère-Eglise sind nur mehr wir zwei als einzige Zivilisten neben der ununterbrochen von Militärkonvois befahrenen Landstraße unterwegs. Obwohl uns die Soldaten bisweilen herzlich etwas zurufen, fürchten wir uns in unserer Einsamkeit. Die Ankunft in Neuville und die riesige Erleichterung, dass die Schule noch steht und wir uns wieder gemeinsam dort befinden, setzt dem ein Ende.

Nun kommen hier in Neuville Flüchtlinge an, besonders jene, die aus dem niedergebrannten Montebourg22 geflüchtet sind. Wir erfahren, dass auch Valognes zum großen Teil zerstört worden ist und dass es dort ungeheuer viele Opfer unter der Zivilbevölkerung23 gegeben hat. In den Tagen nach unserer Rückkehr organisieren wir unser Leben neu inmitten der amerikanischen Truppen und unter einem Gewirr von wahren und falschen Meldungen. Auf der Hauptstraße kommen häufig Lastwagen mit Toten in blutdurchtränkten Leichentüchern vorbei, makabere Bündel, die im Durcheinander der Straße schaurig hin und her schaukeln.

Denn ein wenig weiter entfernt werden noch immer schwerste Kämpfe ausgetragen. Von Utah-Beach24 erhalten die Amerikaner regelmäßig Verstärkung an Material und Männern. Sie sichern und erweitern ihren Brückenkopf von Sainte-Mère-Eglise in Richtung Gourbesville, Saint-Sauveur-le-Vicomte und La Haye-du-Puits. Ab dem 19. Juni greifen sie in der Gegend von Montebourg an, um mehr Druck in Richtung Cherbourg auszuüben, das ihnen am 24. Juni25 in die Hände fallen wird.

Wir gehen oft in die Wirtsstube der Mutter Poussard. Die ist in der Tat ein echtes Zeitungsbüro, manchmal hängen dort die Meldungen sogar aus. Und bei ihr komme ich wieder dazu, meine Rolle als Gelegenheitskrankenschwester aufzunehmen. Ihre Schwiegertochter hat während eines Bombardements, bei dem ihre Mutter und ihr Bruder getötet wurden, einen kleinen Granatsplitter in den Oberschenkel bekommen. Ich spreche mit einem amerikanischen Major darüber, der in der Wirtsstube Halt gemacht hat. Er gibt mir ein kleines Säckchen mit einem weißen Pulver, das auf die Wunde getan werden soll. Ein bei uns noch unbekanntes Wundermittel: das Penizillin. „Machen Sie ihr Umschläge“, sagte der Major, „bis der Splitter soweit ist rauszukommen.“ Ich mache ihr Umschläge. Mit einer Pinzette entferne ich ganze Fleischfetzen. Aber der Splitter selbst sitzt hartnäckig fest. Ich spüre, dass er direkt unter der Haut ist. Also versuche ich mich als Chirurg und mache mit einem scharf geschliffenen und sorgfältig über einer Flamme erhitzten Messer einen kleinen kreuzförmigen Einschnitt. Und endlich kommt der Splitter mit Blut und Eiter heraus. Nun muss ich nur noch mit viel Alkohol desinfizieren, ohne mich vom Stöhnen der Patientin beeindrucken zu lassen, und schließlich mit dem weißen Pulver des Amerikaners einpudern. Am nächsten Tag kann die junge Frau gehen und die Wunde beginnt schon zu verheilen.

Dann entfernen sich die Kämpfe und die Tage verlieren wieder ein wenig von ihrer historischen Dichte und wir ein wenig von unserem fieberhaften Heldenmut, den uns die unmittelbare Nähe der Gefahr und die Notwendigkeit, sich ihr zu stellen, verliehen hatte. Wir richten uns nun für Monate in einer etwas sonderbaren Lebensweise ein, eine Art Besatzung noch, nicht mehr die des Feindes, sondern diejenige unserer Verbündeten, unserer Befreier. Es ist nicht uninteressant, dieses „Zusammenleben“ ganz neuer Art zu erwähnen.

Einige „Nebenerscheinungen“ der Anwesenheit amerikanischer Truppen bei uns auf dem Land

Die Anwesenheit amerikanischer Truppen in unserem Sektor wird unsere normannischen Bauernschaft und ihre Mentalität nicht wenig durcheinanderbringen. Vor allem, weil die „Besatzer“ ja Freunde sind, Befreier, und wir zu ihnen keine Distanz zu wahren brauchen.

Ein Feldlazarett hat seine Zelte auf dem Feld gegenüber der Schule aufgeschlagen. Die meisten Patienten der amerikanischen Ärzte sind auf der Straße Verunglückte und Opfer explosiver Gerätschaften, Zivilisten sowie Militärs. Den Leuten aus dem Dorf wird auch gelegentlich eine kostenlose Behandlung zuteil, was freundschaftliche Bande entstehen lässt. Mehr als einmal kommt es vor, dass ich den Amerikanern Leute aus der Umgebung schicke, die ich bei meinen Hausvisiten zum Spritzengeben getroffen habe. Da wir immer noch Ferien haben, gehe ich oft ins Krankenhaus, um als Dolmetscherin zu dienen oder einfach um zu schwatzen, was es mir ermöglicht, mit Englisch und dem amerikanischen Akzent vertraut zu werden. Oft kommt sogar einer der Ärzte, ein sympathischer Mensch italienischer Abstammung und obendrein Violinist, abends zu uns nach Hause.

Ich habe gerade die Zivilopfer explosiver Gerätschaften erwähnt. Eine vorübergehende Sensation war in der Tat die Überfülle an „Fundstücken“ etwas besonderer Art: Gewehre, Pistolen, Maschinengewehre, Granaten, kleine Flügelbomben etc. Da war in den Feldern, Hecken und Gräben von allem etwas dabei. Soviel Versuchungen für unsere Kinder, sogar für die Erwachsenen. Ich erinnere mich an einen Nachbarn, der mit einem Kranz dicker, blassgelber Patronen heimkam, die denen zum Ausschwefeln von Fässern zum Verwechseln ähnlich sahen. Genau das hatte er damit, ganz stolz auf seinen Fund, auch vor. „Dummkopf!“, schrie ich ihn an, „das ist doch Dynamit!“

Eine andere sehr eigenartige Nebenerscheinung der Situation war, was ich die Banalisierung des Todes nenne, oder genauer die der Leichen. Wir hatten so viele gesehen und da lagen in den ersten Tagen noch so viele hier und da verstreut, dass uns eine Art Gewöhnungseffekt abstumpfte. Ich erinnere mich an einen vierzehnjährigen Jungen von sanftem und sensiblem Gemüt, der die makabren Entdeckungen auf morbide Art aufregend fand und der mich, als er mich nach Ecoqueneauville begleitete, mehrmals zu sich rief, um mich auf diesen oder jenen erstarrten Gesichtsausdruck eines Toten hinzuweisen.

Ganz in unserer Nähe, entlang des Feldes im Winkel zwischen der Landstraße und unserem Weg, hatte ich an einer bestimmten Stelle einen üblen Geruch bemerkt. Ich erriet nur allzu gut, was das sein könnte, hatte aber nicht den Mut, hinter der Hecke nachzusehen. Eines Tages sehe ich dort im Vorübergehen zwei meiner Lausebengel, die mir zurufen: „Mademoiselle, da liegt ein Boche im Graben!“ Einer hat ihm schon sein Portemonnaie aus der Tasche gezogen und nun versuchen sie ihm seine Papiere abzunehmen. Sie unterrichten mich darüber, dass ein Dritter dem Toten die Stiefel ausgezogen hat und dass er los sei, um sie auszuwaschen, da sie voller Maden waren.

Ich erinnere mich auch an Pecata, den Totengräber, den ich einmal hinter einer Hecke in einem Feld nahe der Kirche fluchen hörte. Neugierig gehe ich näher, und da sehe ich ihn mit einem Bein auf dem Bauch der Leiche eines Deutschen und mit dem anderen Bein in den Boden gestemmt. Er versucht mit beiden Händen dem Toten die Stiefel auszuziehen. Er lässt sich nicht im Geringsten von meiner Gegenwart stören und sagt zu mir, während er sich weiter abmüht: „Der hat vielleicht steife Füße, der Idiot. Ich krieg‘ die nicht aus, die Botten.“

Wie man sieht, bringt die Gewöhnung an den Tod eine abscheuliche Nebenerscheinung mit sich: die Leichenplünderung. Einer meiner Nachbarn, eigentlich ein reicher Mann, der zum Ausheben von Gräbern herangezogen wurde, marschiert eines Abends mit zwei Paar Schuhen an den Schnürsenkeln um den Hals gebunden nach Hause. Die hat er Toten abgenommen. Zufrieden zeigt er mir, wie schön sie sind; aus echtem Leder und so gut wie neu. Skrupellosigkeit oder Leichtfertigkeit, Habgier oder Dummheit? Ich weiß es nicht.

Meist logische Folge derartiger Plündereien: der Tauschhandel. In jenen Monaten sind nicht wenige kleine Schwarzmärkte zustande gekommen. Selbst meine Schüler schwänzten, als wieder Schule war, bisweilen den Unterricht, um bei den Quartieren herumzustreunen. Aus Neugier natürlich, aber auch auf Suche nach diesem oder jenem. Denn die Soldaten aus dem reichen Amerika verschenkten so viele neuartige Dinge, die uns wegen der Beschränkungen des Krieges verwehrt geblieben waren. Im Gegenzug dazu hatten wir ein flüssiges Gold, dessen Wirkung mehr als einmal katastrophale Folgen hatte: den Calvados.

Der schlimmste Schock in Bezug auf unsere strengen (oder zumindest zurückhaltenden und diskreten) Sitten im Bereich der Sexualität war die Entdeckung überhaupt nicht diskreter, sexueller Zügellosigkeit.

In brutaler Art und Weise. Es gab Vergewaltigungen und Überfälle. Bei den Stoßtrupps, die überall verteilt einquartiert waren und überall verkehrten, war es für eine Frau oder ein Mädchen nicht ratsam, sich allein an abgelegene Orte zu wagen.26 Ich machte da einmal meine eigene, im Nachhinein eher komische Erfahrung. Auf dem Weg zwischen der Kirche und dem Schloss bemerke ich einen Amerikaner in Fliegermontur, einer Lederjacke mit Schafspelzfutter. Es sieht so aus, als mache er sich an einem Fahrrad zu schaffen, das an einem Baum lehnt. Er ruft und winkt mich heran, ohne sich umzuwenden. Ich halte meine Hündin an der Leine, weil sie bisweilen aggressiv sein kann und gehe näher im Glauben, er bräuchte eine Auskunft. Auf der Stelle schwenkt er herum und zeigt mir sein Geschlechtsteil. Im selben Augenblick aber springt meine Hündin fuchsteufelswild, mit gebleckten Zähnen und unbändigem Gebell nach dem Organ, eine echte Furie! Ich kann sie gerade noch so an der Leine zurückziehen, damit sie nicht in den „Köder“ beißt, den sie in ihrem Grimm fast geschnappt hätte. Und ich mache mich davon, so schnell ich kann, trotz meines klugen Tieres, das weiterbellt, sichtlich aufgebracht von dem Ding, das der andere dabei flugs wieder verstaut hat.

Und dann eine Entdeckung ganz anderer Art! Da kommt eines Morgens eine Nachbarin, die alte Hortense, ganz aufgewühlt zu uns. Sie musste gerade mit ansehen, wie ihre alte Ziege mehrmals hintereinander von einer Gruppe Soldaten vergewaltigt wurde: „Das arme Tier ist davon wie besoffen und ganz verblödet“, erzählt Hortense, und empört fügt sie hinzu: „Und das waren nicht mal Schwarze!“ Schrecklich aufschlussreiche Worte für den unbewussten Rassismus, den ich bei mehreren Gelegenheiten feststellen konnte: nur Schwarze wären zu so etwas fähig. Man hing ihnen alle Missetaten der Truppe an. Ein Rassismus, den übrigens der heftige, bewusste Rassismus einiger weißer G.I.s noch verstärken konnte, wie jene, die einmal von ihrem Jeep aus zwei schwarze Krankenpfleger, mit denen ich mich am Schultor unterhielt, lautstark beschimpften.

Die Zügellosigkeit nahm auch weniger brutale, herkömmlichere Formen an, wenn ich das einmal so sagen darf. Bis die „Professionellen“ aus den Großstädten zu ihnen kamen, jagten diese Herren bei uns auf dem Land. Eines Tages hält ein amerikanischer Krankenwagen vor Mutter Poussards Bistrot. Als sie nicht versteht, was sie wollen, bedeutet sie ihnen, sich an mich zu wenden, da ich draußen stehe und mich mit einer ihrer Töchter unterhalte. Sie erklären mir, dass sie „Frauen für Vergnügungen“ suchen würden. Abgesehen von zwei Weibern, die den Deutschen gut zu Diensten waren, fällt mir nichts ein, was sie in Neuville zufriedenstellen könnte. Sie bestehen darauf: es macht ihnen nichts aus, die Nachfolge der Deutschen anzutreten! Sie zwingen mich, eine kleine Skizze mit einer Wegbeschreibung anzufertigen, und da ich ein bisschen langsam bin, stößt einer mit dem Fuß auf und sagt: „Beeilen Sie sich, es drängt!“ Ich glaube, ich wurde rot bis an die Haarwurzeln.

Unnötig darauf hinzuweisen, dass diese „Freiheiten“, welche sich unsere a priori sympathischen Befreier da herausnahmen, nur das Interesse und die Neugier der großen Jungen unserer Gegend wecken konnten. Ich sah es wohl, als ich meine Schüler am Ende der Ferien wiedersah (zumindest jene, die wiederkamen, denn für einige waren die Schokolade, die Zigaretten, der Kaffee und das Kino der Amerikaner viel verlockender als die Dreisatzrechnung oder die allgemeine Rechtschreibung). Einige hatten geschwind die abgelegenen Schafställe auf dem Land ausfindig gemacht, mit Ziegeln gedeckte Holzschuppen, die wohl oder übel als Soldatenbordelle fungierten. Und meine Spaßvögel schlichen ihnen nach und linsten durch die Bretterspalten. Ein Gespräch von zweien von ihnen, die ich auf den Toiletten überraschte, verriet mir, dass sie vieles gesehen hatten und ihre sexuelle Aufklärung, wenn man das so sagen kann, weit fortgeschritten war.

Ein anderes Mal sehe ich in der Pause Kinder eine Art Luftballon um die Wette aufblasen. Es waren englische Kondome. Die lagen überall in den Feldern verstreut, so wie gewisse andere Dinge aus den Arsenalen an Verhütungsmitteln. Ich befehle den Bläsern, die Ballons wegzuwerfen und erzähle ihnen, dass sie ihnen im Gesicht platzen und sie davon blind werden können. Die Kleinen hören auf meine Märchen und glauben mir. Aber ich sehe den großen Lucas, der anfängt zu grinsen. Um Widerspruch zu vermeiden, der mich in Verlegenheit bringen könnte, fertige ich ihn energisch mit einem Satz Ohrfeigen ab.

So wurde im Laufe der Tage der Enthusiasmus getrübt, mit dem ich die Befreiung aufgenommen hatte. So zerbrach nach und nach mein kleiner, zugegeben ein wenig naiver Heile-Welt-Kodex an Moral- und Wertvorstellungen. An manchen Tagen kam mir alles verkommen und pervertiert vor. Aber das war wohl ein Reifungsprozess für mich. Der Krieg, mit allem was er an Wirren und Schrecken mit sich brachte, lehrte mich das wahre Gesicht der Menschheit kennen, bald schlechter, bald besser als der Anschein. Ich habe erlebt, wie jemand aus dem Dorf, ein Prahlhans mit großer Klappe, seine Frau und seine Kinder mitten im Bombardement im Stich gelassen hat und wie ein feiger Hase so schnell davongerannt ist, dass er dabei seine Pantinen verlor. Aber ich habe auch meine alte Tante Rosalie erlebt, die ihr Leben lang vor allem und nichts Angst gehabt hatte und nicht einmal den Anblick eines spitzen Messers ertrug, wie sie sich mit ihrem ganzen Körper wacker vor mich stellte, um mich zu decken, in einem Moment, da der Beschuss der Schule besonders bedrohlich war. Es gibt Situationen, in denen bei scheinbar ganz gewöhnlichen Menschen tief verdrängte Instinkte wach werden oder wohlverborgene Qualitäten ans Licht kommen, Akte von unglaublichem Großmut oder niederster Habgier und Feigheit. Das sind Situationen, die Deserteure entlarven und Helden hervorbringen.

  • 1Der Text befindet sich in den Archiven des Memorial de Caen unter der Signatur TE 277.
  • 2Spitzname für die deutschen Soldaten wegen der Farbe ihrer Wehrmachtsuniform.
  • 3Die Autorin nimmt hier Bezug auf die Rundfunkansprache des Marschall Pétain, der am 17. Juni 1940, nur drei Tage nach dem Einmarsch der deutschen Trupen in Paris, verkündet, dass die in der Nacht zuvor gebildete Regierung einen Waffenstillstand erbeten hat. Seiner berühmten Ansprache, „Schweren Herzens sage ich Euch heute, dass der Kampf ein Ende finden muss“, folgte wenige Stunden später, am 18. Juni 1940, der Appell des General de Gaulle.
  • 4Der vom BBC am 18. Juni 1940 aus London übertragene Appell des General de Gaulle findet am Tag selbst nur wenige Hörer im Radio. Mundpropaganda und Presse ermöglichen in der Folge die rasche Verbreitung seiner Botschaft in der französischen Bevölkerung.
  • 5Cherbourg erleidet in der Nacht vom 10. zum 11. Oktober 1940 eine Bombardierung durch die britische Flotte.
  • 6Am 24. Juli und am 30. September 1941 wird die Stadt von englischen Bomben getroffen, die den Tod zahlreicher Bewohner Cherbourgs und die Zerstörung einiger Gebäude, vor allem in der Rue Tour Carrée, verursachen.
  • 7Von diesen 1943 in Kraft tretenden Maßnahmen der Evakuierung sind Frauen, Kinder und alte Leute betroffen.
  • 8Ein Sperrgebiet (ein sich über zehn Kilometer erstreckendes Küstengebiet) wird von den deutschen Behörden vor allem an den Küsten des Ärmelkanals und des Atlantiks eingerichtet. Nach der Evakuierung der Frauen, Kinder und der alten Leute wird ab dem Monat März 1944 auch die ganze von den Deutschen für „überflüssig“ befundene Bevölkerung evakuiert. Diesen in jener Zeit mit dem Spitznamen „Überflüssige“ Versehenen folgte bald ein Großteil der Stadtbevölkerung nach, welche die im Frühling 1944 zunehmenden Bombenangriffe fürchteten.
  • 9Am 2. November 1942 tragen die Briten in El-Almein den Sieg über die deutsche und die italienische Armee davon.
  • 10Diese Georgier bilden als Hilfskräfte im Dienst der deutschen Armee das 795. Bataillon, das der 709. Infanterie-Division unterstellt war. Dieses Bataillon ist insbesondere mit der Abwehr an einem der Strände von Sainte-Marie-du-Mont beauftragt, das nur einige Kilometer von Neuville-au-Plain entfernt liegt.
  • 11Der Name „Rommel-Spargel“ wurde von der ortsansässigen Bevölkerung erfunden, die von den deutschen Behörden eingezogen wurde und sich gezwungen sah, auf freien Flächen Pfähle gegen alliierte Luftlandungen in den Boden zu schlagen.
  • 12Die in der Gemeinde Saint-Martin-de-Varreville gelegenen Geschütze an der Küste (vier Kanonen) werden mehrere Male angriffen, insbesondere am Vorabend der Landung, in der Nacht vom 5. zum 6. Juni 1944.
  • 13Noch vor Beginn der großen, militärischen Operationen in der Normandie befehlen die Deutschen, die sich der Bedeutung des Radiohörens, besonders von BBC seitens der Widerstandskämpfer wohl bewusst sind, dass alle Radioempfangsgeräte im Rathaus abgegeben werden. Diese Vorschrift besteht für die Zivilbevölkerung ab März 1944.
  • 14Dieser Begriff wird von Engländern, Amerikanern und Deutschen gleichermaßen für die Militäroperationen vom 6. Juni verwendet.
  • 15Die 82. und die 101. Fallschirmjägereinheit werden bei Sainte-Mère-Eglise, Saint-Côme-du-Mont und Picauville abgeworfen. So kamen 13 000 Männer an Bord von 832 Flugzeugen, um Straßen in Schlüsselpositionen (wie die NR 13, die nach Cherbourg führende Landstraße) einzunehmen, die Brücken zu zerstören, die Eisenbahnstrecke nach Carentan zu sprengen und Küsteneinheiten der Artillerie auszuschalten, mit dem Ziel, die deutsche Verstärkung aufzuhalten und das Landungsgebiet abzusichern.
  • 16Der Abwurf der Fallschirmjäger verlief ziemlich unpräzise, vor allem wegen des schlechten Wetters und wegen der Vorsicht der Piloten. Einige Fallschirmjäger fanden sich über dreißig Kilometer von der geplanten Abwurfstelle entfernt wieder.
  • 17Abwertende französische Bezeichnung für die Deutschen. Das ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Frankreich verwendete Wort ist aus etymologischer Sicht schwer zu erklären. Womöglich eine Verkürzung von „alboche“, einem älteren Wort, das sich aus dem Präfix „AL“ für „allemand“, den Deutschen, und dem Suffix „BOCHE“ zusammensetzt. Der Ausdruck „tête de boche“ wurde im Argot des 19. Jahrhunderts verwendet und bezeichnet einen Dickkopf, in Bezug auf die Holzkugel „boche“, die in einigen Kegelspielen geworfen wird. „Boche“ könnte auch das Diminutiv von „Caboche“ sein, eine Bezeichnung für den Kopf.
  • 18 Die heilige Theresia von Lisieux (geb. 1873 in Alençon, gest. 1897 in Lisieux): Karmeliter-Schwester, 1923 selig gesprochen, 1925 durch den Papst Pius XI. heilig gesprochen und im Mai 1944 als zweite Schutzpatronin Frankreichs ausgerufen.
  • 19Die Halbinsel Cotentin wird am 18. Juni abgeriegelt, als die alliierten Fallschirmjäger an der Westküste des Departements eintreffen.
  • 20Cherbourg wird erst am 26. Juni befreit.
  • 21 Die Erzählerin wechselt hier die Erzählzeit kurz von der Vergangenheit zum Präsens, wahrscheinlich weil ihr die Passage über die Verwundeten und Toten im Schloss nahe geht. Marcelle Hamel hat den Großteil ihrer Erinnerungen im Präsens verfasst, was ihre auch im Nachhinein noch große emotionale Nähe zum Erlebten ausdrückt. Dazwischen finden sich immer wieder Abschnitte in Vergangenheitsformen. Der Wechsel zwischen den Erzählzeiten wurde bei der Übersetzung größtmöglich respektiert. (Anmerkung der Übersetzerin)
  • 22Auf der Straße nach Cherbourg kommt dem Ort Montebourg in der Schlacht um den Zugang zum Nordteil der Halbinsel Cotentin eine entscheidende Rolle zu. Die Ortschaft wird vor allem am 8., 10. und 12. Juni mehrfach bombardiert. Phosphorbomben und Granaten der Marine verwandeln Montebourg in eine einzige Feuersbrunst. Einige Einwohner flüchten zwar in die Abtei, zum Großteil verlassen die Einwohner aber die Schutzkeller und fliehen aus dem Ort.
  • 23Am 6., 7. und 8. Juni wird Valognes, das „Klein-Versailles der Normandie“ durch drei Bombardements ausgelöscht. Die Sehenswürdigkeiten der Stadt werden dem Erdboden gleichgemacht. Man zählt rund 300 Tote.
  • 24 Codename für den ersten Landungsstrand im Westen.
  • 25Die Amerikaner kommen ab dem 23. Juni auf die Anhöhen vor Cherbourg. Zwei Tage später, am 25. Juni, finden in der Stadt Kämpfe statt. General von Schlieben und Admiral Hennecke kapitulieren am 26. Juni, ohne ihren Truppen, die sich verschanzt haben, den Befehl zur allgemeinen Waffenruhe zu erteilen. Das Arsenal leistet noch bis zum nächsten Tag Widerstand.
  • 26Die Zahl brutaler Übergriffe vonseiten der Truppen der Alliierten gegen die Normannen ist sehr schwer zu ermitteln,. Zum einen erstatten nicht alle Opfer Anzeige, und zum anderen werden diese Verfahren bisweilen unterdrückt, und die Behörden erfassen aber zahlenmäßig nur die vom Gericht verurteilten Fälle. Michel Boivin stellt in seinen Arbeiten eine Zahl von 208 Vergewaltigungen und 30 Morden auf, die von Mitgliedern amerikanischer Truppen an der normannischen Bevölkerung über den gesamten Zeitraum des Krieges hin im Departement Manche begangen wurden.
Katalognummer:
  • Numéro: TE277
  • Lieu: Mémorial de Caen
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